Kürzlich war ich in Kassel, wo in der „Caricatura – Galerie für komische Kunst“ die Ausstellung „Der weiße Neger Wumbaba“ eröffnet wurde, in der die Menschen endlich einmal (und das noch bis zum 23. Januar) Michael Sowas Originalbilder zu unseren drei Büchern anschauen können – und nicht nur die! Denn in Kassel hängen jetzt Bilder aus allen Büchern, die wir beide zusammen in zwanzig Jahren Zusammenarbeit produziert haben, vom König Dezember bis zum kleinen Bären namens Sonntag und von Hackes Tierleben bis zum Wortstoffhof – wo gab es bisher so etwas? In Deutschland jedenfalls noch nie, nur in Japan, in Kyoto und Tokio, wo der Sowa vor zwei Jahren bei einer Ausstellungseröffnung mal von kreischenden jungen Frauen gefeiert wurde wie ein Bandmitglied von Tokio Hotel. (Dann verschwanden seine Bilder wieder in den Wohnungen seiner zahlreichen Sammler.)
Ganz so euphorisch war das Publikum in Kassel nicht, der Osthesse ist wohl selbst in Momenten größten Ausgerastetseins zum Kreischen weder willens noch in der Lage. Aber sehr schön war es trotzdem, auch weil mein alter Freund und Kollege Hermann Unterstöger von der Süddeutschen Zeitung die Ausstellung mit einer wunderbaren Rede eröffnete, in der er zu einen darauf hinwies, dass – dank der Wumbaba-Trilogie – der weiße Neger heute als eine der wichtigsten und volkstümlichsten Schöpfungen von Matthias Claudius gilt. Und in der er zum anderen erklärte, worum es Sowa und mir beim Malen und Schreiben geht: Hinter dem Schein das Wahre zu erkennen, hinter dem Schnöden das Bunte und Schöne, hinter dem Halben das Ganze. Besonders dankbar waren wir Unterstöger für die Herausarbeitung der theologischen Dimensionen unserer Tätigkeit anhand eines Liedbeispiels, des Kirchenliedes „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“ nämlich, in dem der weiße Neger Wumbaba, so Unterstöger, statt der bekannten Antwort „Gott, der Herr, hat sie gezählet“ eine ganz andere gibt, nämlich diese: „Gott, der Herr, hat sieben Zähne.“
Was, so nun Unterstöger in seiner Kasseler Rede, „frage ich, geschieht da? Hier geschieht erstens ein längst fälliges Stück Aufklärung, weil nämlich Gott die Sterne überhaupt nicht gezählt hat, wo käme er da auch hin. Er hat zwar einmal mit dem Zählen begonnen, ist aber schon nach 24 Galaxien der Sache überdrüssig geworden. Zweitens ereignet sich hier etwas Theologisches, weil uns Gott menschlich näher gerückt wird, weil wir mit heiligem Staunen erfahren, dass es neben der Gottähnlichkeit des Menschen wohl auch eine Menschenähnlichkeit Gottes gibt. Sieben Zähne, sagen wir uns, ach herrje, da wird es höchste Zeit für Implantate, hoffentlich übernimmt das die Kasse!“
Gott, der Herr, gemalt von Sowa – auch dieses Bild hängt übrigens in Kassel.


Verlag Antje Kunstmann
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